Nackt sein -

warum nicht?

Oder anders gefragt, warum gibt es so wenige Menschen, die sich nackt in der Öffentlichkeit zeigen, und das auch nur zu wenigen ganz bestimmten Gelegenheiten oder an wenigen bestimmten Stellen? Und warum hält sich kaum jemand nackt in der eigenen Wohnung auf?
Vermutlich ist das so, weil die meisten Menschen davon ausgehen, es sei verboten, und weil sie sich davor schämen würden, dieses vermeintliche Verbot zu missachten. Es gibt aber nach meiner laienhaften und deshalb unmaßgeblichen Meinung weder gesetzliche noch moralische Bestimmungen, die einem solchen absolut natürlichen und für die Gesundheit uneingeschränkt förderlichen Verhalten entgegenstehen.
 
Oder es liegt vielleicht daran, dass viele Menschen denken, sie müssten sich bekleiden, und das auch noch in einer bestimmten Form, um einen ausreichend guten Eindruck bei allen Anderen zu machen, denen sie begegnen. Wer mich aber kennt, der hat den gleichen Eindruck von mir, wenn ich bekleidet bin und er mir auf der Straße begegnet, wie er ihn hat, wenn er mir begegnet, während ich nackt an dem von mir bevorzugten Badesee liege. Und was jemand von mir denkt, der mich nicht kennt, ist mir ziemlich egal.
 
Also wo ist das Problem? Kleidung ist doch letztlich nur ein Mittel zum Zweck. Wenn der Zweck erfüllt ist, dann kann man also genauso gut auf Kleidung verzichten. Und gerade im Sommer entfällt meistens der Zweck, sich durch Kleidung vor schädlichen Witterungseinflüssen wie Regen oder Hagel, Wind und Kälte zu schützen. Aber trotzdem tragen vor allem im Sommer sehr viele Menschen so viel Kleidung, dass sie gar nicht so schnell schwitzen können, wie ihnen heiß ist. Und dann rufen sie nach dem Notarzt, weil sie einen Kreislaufkollaps, einen Hitzschlag oder was auch immer bekommen. Auf die Idee, auf Kleidung wenigstens teilweise, wenn nicht sogar vollständig zu verzichten, kommen sie aber "in hundert Jahren" nicht.
Ist es denn so wichtig, durch Kleidung als Statussymbol einen guten Eindruck zu machen, dass es egal ist, wenn die Gesundheit dadurch ernsthaft gefährdet wird?
In der Vergangenheit haben es verschiedene Kulturen im heutigen Deutschland, in Europa und weltweit vielfach gezeigt, dass es problemlos möglich ist, dort auf Kleidung zu verzichten, wo sie als Schutz nicht erforderlich ist. Von den Germanen ist z.B. bekannt, dass sie in der Regel nackt waren, außer im Winter und an familiären oder religiösen Festtagen. Die alten Ägypter trugen einen Halsschmuck, der Auskunft über ihren sozialen Rang gab, und waren davon abgesehen am Oberkörper unbekleidet, was im Prinzip genauso für die Inder und Ceylonesen (die Bewohner Sri Lankas) bis in die Kolonialzeit hinein gilt. Teilweise, vor allem bei besonderen Anlässen, sieht man auch heute noch Inder oder Ceylonesen in dieser traditionellen Kleidung (Oberkörper frei, Halsschmuck als Statussymbol).

Kinder im Alter unter 5 oder 6 Jahren sind noch nicht in der Lage, im Zusammenhang mit ihrem Körper Scham zu empfinden, denn erst in diesem Alter bilden sich die für die Empfindung von Scham erforderlichen Strukturen im Gehirn. Und auch danach betrachten Kinder ihre Geschlechtsteile als allen anderen gegenüber gleichwertige Teile ihres Körpers. Erst mit Einsetzen der Pubertät im Alter von 12 bis 15 Jahren bei Jungen (bei Mädchen evtl. 1 - 2 Jahre früher) stellt sich der Hormonhaushalt um, und es bilden sich die Strukturen im Gehirn, die erforderlich sind, um die endgültige Zweckbestimmung der Geschlechtsorgane umfassend erkennen zu können.
Deshalb stellt Nacktheit für Kinder auch nicht mehr dar als die Abwesenheit von Bekleidung. Scham in diesem Zusammenhang zu empfinden, ist für Kinder unnatürlich. Kleidung hat für Kinder vor allem den Zweck, sie vor Witterungseinflüssen und Verletzungen zu schützen. Wo dieser Schutz nicht erforderlich ist, hat Kleidung allenfalls eine psychologische Schutzfunktion. Es ist damit als Zeichen absoluten Vertrauens den Eltern gegenüber zu bewerten, wenn Kinder sich in der elterlichen Wohnung oder im Haus und auf dem Grundstück der Eltern nackt aufhalten. Und aus meiner Sicht ist es aus moralischen Gründen unbedingt anzustreben, dass Kinder dieses Vertrauen, das sie von Natur aus haben, nie verlieren.
Kinder haben durchaus ab einem Alter von 5 oder 6 Jahren die angeborene Fähigkeit, Scham zu empfinden, wenn sie etwas falsch gemacht haben, doch Scham im Zusammenhang mit ihrer Nacktheit ist nicht angeboren, sondern anerzogen. Solche Kinder haben aber nicht die Möglichkeit zu verstehen, warum sie sich im Zusammenhang mit ihrer Nacktheit oder der Nacktheit Anderer schämen sollen, denn bei ihnen steht Nacktheit in keinerlei Zusammenhang mit Sex. Dieser Zusammenhang ist jedoch genau der Grund, weshalb viele Erwachsene sich schämen, wenn sie andere Menschen nackt sehen oder selbst nackt sind, und diese Scham dann im Rahmen der Erziehung auf ihre Kinder übertragen, obwohl diese die Begründung, warum sie sich schämen sollen, nicht nachvollziehen können.
Es ist nämlich ein Trugschluss, in jedem Fall anzunehmen, dass Sex der Grund für Nacktheit ist. Sicher, man ist häufig nackt, wenn man gerade Sex mit seinem Partner oder seiner Partnerin hat, aber noch viel häufiger hat Nacktheit ganz andere Gründe, die mit Sex in keinerlei Zusammenhang stehen. Es ist nun mal bequemer und gesünder, beim baden, um nur ein Beispiel zu nennen, vollständig auf Kleidung zu verzichten. Denn eine enge Badehose oder ein Bikini oder Badeanzug ist nicht nur ein unbequemes Kleidungsstück, sondern sogar vor allem für Kinder gesundheitsgefährdend. Es liegt in der Natur der Kinder, dass sie nicht ins Wasser gehen, um einige Runden zu schwimmen, sich danach abtrocknen und an Land bleiben, sondern eine Weile im Wasser spielen, sich dann wieder draußen aufhalten und im nächsten Moment ganz spontan wieder ins Wasser gehen. Dabei trocknet ihre Haut, wenn sie aus dem Wasser kommen, wesentlich schneller als ihre Badekleidung. Dadurch können nicht nur Erkältungen, sondern auch Blasenentzündungen und andere Erkrankungen entstehen, während das bei Kindern, die nackt baden, nicht der Fall ist. Kindern dann zu sagen, sie sollten sich, wenn sie aus dem Wasser kommen, was trockenes anziehen, und wenn sie wieder ins Wasser gehen, wieder ihre Badehose anziehen, behindert sie in ihrem natürlichen Spieltrieb und somit in letzter Konsequenz in ihrer gesamten Entwicklung.

Auch wenn man sich in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus nackt aufhält, wie ich das auch gerade jetzt tue, da ich diese Zeilen schreibe (siehe Foto links), gibt es keinen Grund, sich wegen irgendetwas zu schämen. Ich bin nackt, weil ich das für den natürlichsten und angenehmsten Bekleidungszustand halte, und ich habe allein entschieden, nackt zu sein, weil ich in meiner Wohnung allein bin und es für niemanden möglich ist, mich durch einen Blick durchs Fenster in meiner Wohnung zu sehen. Außerdem hege ich dabei, zu Hause nackt zu sein, keinerlei sexuelle oder sonst vielleicht anstößige Gedanken.
Es gibt auch weder gesetzliche noch moralische Vorschriften, die verlangen, dass man ständig und überall außer vielleicht in der Badewanne oder unter der Dusche bekleidet ist. Moralisch gesehen gibt es, wenn ich in meiner Wohnung bin, sowieso nur die Vorschriften, die ich selbst erlasse. Auch wenn man nicht allein wohnt (als Paar, WG oder Familie), gibt es aus moralischer Sicht niemanden, der dieser wie auch immer gearteten WG vorschreiben kann, ob und wie man sich in dieser Wohnung zu bekleiden hätte. Gesetze, die da etwas regeln könnten, gibt es nicht. Damit ist es also egal, ob man sich in der eigenen Wohnung bekleidet oder unbekleidet aufhält. Und mir ist es eindeutig lieber, in meiner Wohnung unbekleidet zu sein.
 

Genauso sind nackte Wanderungen oder Fahrradtouren ein Naturerlebnis allererster Güte, bei dem niemand einen Grund zur Scham hat. Das Schöne daran ist, dass man, wenn man dabei Schuhe nur da trägt, wo der Untergrund, auf dem man läuft, das erforderlich macht, die Natur buchstäblich mit jeder Faser seines Körpers erleben kann. Und wenn einem dann doch zufällig mal jemand begegnet, der Kleidung trägt, dann wird einfach freundlich gegrüßt, und schon ist in der Regel alles in Ordnung. Es kann sogar sein, dass sich ganz spontan eine angeregte Unterhaltung zum Thema Naturismus ergibt.
Bei einer solchen Unterhaltung wird dann ganz schnell deutlich, dass es für mich bei meinen nackten Wanderungen keinen Zusammenhang mit Sex und deshalb auch keinen Grund zur Scham gibt. Wohl deshalb sind die Kommentare, die ich bei einer solchen Unterhaltung bekomme, immer zustimmend oder wenigstens tolerant.

Aber nicht nur vollständige, auch teilweise Nacktheit wird viel zu oft aus falsch verstandener Scham heraus vermieden. Dabei ist eine Begründung dafür, warum "man das nicht tut", in aller Regel nicht nachvollziehbar oder sogar überhaupt nicht vorhanden.
Wenn junge Mütter ihre Babys in der Öffentlichkeit stillen, dann tun sie das in den seltensten Fällen so, wie das am natürlichsten ist, nämlich an ihrer Brust. Und wenn doch, dann tun sie das fast nie so, dass sie dabei von Anderen gesehen werden können.
Warum denn nicht? Weil sie dadurch, dass sie eine ihrer Brüste entblößen und dadurch unweigerlich für Andere sichtbar machen, angeblich das Schamgefühl der Menschen, die sie dabei sehen, verletzen könnten? Wessen Schamgefühl denn? Doch nur das der Leute, die etwas in diesen völlig natürlichen Vorgang hinein interpretieren, was überhaupt nicht der Fall ist: sexuelle Gedanken. Denn woran denkt eine Mutter, wenn sie ihr Baby stillt? Sie ist ihm liebevoll zugewendet und bemüht sich, seinen Hunger so zu stillen, wie es am natürlichsten und für das Baby am gesündesten ist, während das Baby die Brust der Mutter einzig und allein als die Stelle betrachtet, an der es seinen Hunger stillen kann. An Sex denkt sie dabei absolut nicht, denn dafür hat sie momentan keine Zeit, weil sie sich um ihr Baby kümmern muss. Deshalb hat sie auch keinen Grund zur Scham. Und ihr Baby ist gar nicht in der Lage, an Sex zu denken, oder sich zu schämen, denn dafür ist sein Gehirn noch lange nicht weit genug entwickelt. Wer sich aber schämen sollte, das sind diejenigen, die sich daran stören, dass sie genau das mit ihrem Baby tut, was für es das Beste ist.
Und das gilt nicht nur im Hinblick auf die Ernährung. Abgesehen davon, dass es für ein Baby keine bessere Nahrung gibt als die Milch der eigenen Mutter, ist das Stillen auch für die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind sehr wichtig. Der beruhigende und das Urvertrauen des Kindes zu seiner Mutter festigende und verstärkende Effekt, der nur durch stillen erzeugt wird, wirkt sich auf das gesamte Leben des Kindes positiv aus und ist durch nichts zu ersetzen.
Das ist vor kurzem (im Juni 2013) auch wieder durch eine große wissenschaftliche Studie bewiesen worden. Die ARD schreibt z.B. dazu in ihrem Videotext:

Die Ernährung mit Muttermilch führt bei Babys zu erhöhten Chancen auf sozialen Aufstieg und emotionales Wohlbefinden.
Das ist das Ergebnis einer Studie von britischen Forschern, für die mehr als 17.000 Menschen aus dem Geburtsjahrgang 1958 und mehr als 16.000 aus dem Jahrgang 1970 befragt wurden.

Das Stillen fördert der Studie zufolge die Entwicklung des Gehirns, die Intelligenz und die sozialen Aufstiegschancen. Gestillte Kinder zeigten zudem weniger Stress-Symptome, beschrieben die Forscher in dem Fachmagazin "Archives of Disease in Childhood".

Ich jedenfalls freue mich immer wieder, wenn ich das seltene Vergnügen habe, eine solche Szene beobachten zu können, über die Natürlichkeit, mit der diese junge Mutter mit ihrem Baby umgeht.
 
Ich freue mich dabei nicht darüber, wenigstens eine Brust dieser jungen Mutter unbekleidet zu sehen, denn das ist mir in diesem Moment egal. Worüber ich mich in einer solchen Situation freue, das ist einzig und allein die Natürlichkeit und die Freiheit von unangebrachter Scham, mit der diese junge Mutter mit ihrem Kind umgeht.
Sehr passend ist in diesem Zusammenhang auch die Redensart "Honi soit qui mal y pense! - Ein Schuft, wer Böses dabei denkt!" Denn böse im Sinne von sexuell anstößig ist in einer solchen Situation nicht die Handlungsweise der jungen Mutter, sondern nur das, was manche Menschen, die das sehen, im Zusammenhang damit denken.