Moralisches

im Zusammenhang mit Scham

Wikipedia definiert Moral als "die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen, sofern diese wiederkehren und sozial anerkannt und erwartet werden. So verstanden, sind die Ausdrücke Moral, Ethos oder Sitte weitgehend gleichbedeutend und werden beschreibend (deskriptiv) gebraucht." Dabei ist Moral ein sehr vielschichtiger Begriff, der deshalb Gegenstand verschiedener Wissenschaften ist und nicht kurz in Form einer Übersetzung erklärt werden kann, wie das z.B. mit der Botanik = Lehre von den Pflanzen oder Genetik = Vererbungslehre der Fall ist.
Für sich allein betrachtet stammt der Begriff der Moral ursprünglich vom lateinischen moralis (die Sitte betreffend; lat: mos, mores = Sitte, Sitten) ab und beschreibt laut Wikipedia "vor allem, wie Menschen faktisch handeln und welches Handeln in bestimmten Situationen erwartet wird bzw. für richtig gehalten wird. Dieser deskriptive Bedeutungsaspekt einer Moral wird auch als Sittlichkeit oder Ethos bezeichnet und umfasst „regulierende Urteile und geregelte Verhaltensweisen“, ohne dass die rationale oder moraltheoretische Rechtfertigung derselben beurteilt oder bewertet wird. Eine solche Beurteilung wird als „Reflexionstheorie der Moral“, oder „Ethik“ bezeichnet." (siehe Moral, Begriffsgeschichte!)
Was jedoch in einer Gesellschaft oder Gruppe erwartet oder für richtig gehalten wird, das ist niemals ein feststehendes Regelwerk, sondern im Laufe der Zeit nahezu ständig mehr oder weniger schwerwiegenden Änderungen unterworfen. Somit ist es unmöglich zu sagen, es sei eine für alle Zeiten gültige Feststellung, dass ein bestimmtes Verhalten moralisch gut oder schlecht sei, und basierend auf dieser Feststellung jedes weitere Verhalten moralisch zu bewerten. Im Gegensatz dazu müssen Naturgesetze aber sehr wohl als für alle Zeiten gültig akzeptiert werden. Wenn Naturgesetze also einmal erkannt und verstanden wurden, dann kann darauf aufbauend Forschung und Wissenschaft betrieben werden, ohne dass man jemals mit einer Änderung dieser Gesetze rechnen muss.
Der Publizist und ehemalige Politiker Jürgen Todenhöfer sagte dazu einmal: "Das Traurige ist - in Sachen Moral und Gewissen fängt jede Generation von vorn an. In der Forschung und der Wissenschaft entwickelt sich der Mensch rasant. Aber Charakter und Moral - da sind wir nicht weiter, als wir unter den alten Römern waren."
 
Kurz gefasst kann man Moral auch als eine Art Gruppenzwang oder als ungeschriebenes Gesetz bezeichnen. Und genau da liegt das Problem jeglicher Moral. Denn jede Moral kann nur so gut oder so schlecht sein wie der Grad ihrer Übereinstimmung mit den Naturgesetzen  und den Gesetzen der Nation oder der größeren gesellschaftlichen Gruppe, in der diese Moral zur Anwendung kommt. Als Beispiel seien irgendwelche zwei Vereine genannt. Innerhalb des einen Vereins, ein Fußballverein, wird es als unmoralisch bezeichnet, zu rauchen, während es in dem anderen Verein, ein Modellsportverein, keine einzige Regelung gibt, die auch nur die Vermutung zulässt, es sei unerwünscht oder sogar verboten zu rauchen.
Gleichzeitig gilt es zwar für die Mitglieder des Fußballvereins innerhalb ihrer Vereinstätigkeit als unmoralisch zu rauchen, doch wenn sie zu Hause oder sonst irgendwo in ihrem Heimatort sind, wird die Frage, ob man Raucher oder Nichtraucher ist, moralisch nicht bewertet.
Was also aus moralischer Sicht für den Einen ohne Weiteres erlaubt ist, mag für den Anderen streng verboten sein, und was für jemand bestimmten innerhalb einer sozialen Gruppe verboten ist, mag für ihn innerhalb einer größeren sozialen Gruppe, von der diese eine Untergruppe ist, durchaus erlaubt sein.

Aber nicht nur die Frage, wo welche Moralvorstellungen gültig sind, ist hier von Bedeutung, sondern auch die Unterscheidung zwischen richtigen und somit nützlichen Moralvorstellungen einerseits und falschen und somit schädlichen Moralvorstellungen andererseits.
Dabei kommt es immer wieder vor, dass bestimmte Verhaltensregeln, die als ungeschriebene Regeln entwickelt wurden, allgemeine Zustimmung finden und deshalb als Gesetze für Jedermann verbindlich vorgeschrieben werden. Ein Beispiel dafür ist das Verbot, andere Menschen zu töten, das nach jüdisch-christlicher Überlieferung als eines der Zehn Gebote direkt von Gott stammt und in der Bundesrepublik Deutschland in §§ 211 - 222 StGB Gesetzeskraft erlangt hat.
Andererseits geschieht es aber auch immer wieder, dass Gesetze, die man zuerst für richtig gehalten hatte, im Laufe der Zeit als moralisch verwerflich bewertet werden, was dann zu ihrer Änderung oder Abschaffung führt. Als Beispiel hierfür sei nur auf § 218 StGB (Schwangerschaftsabbruch) verwiesen, der im Laufe der Zeit mehrfach geändert wurde.
Interessant in diesem Zusammenhang ist vor allem die Radbruchsche Formel, die sich mit dem Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit befasst, und wie man daraufhin handeln soll.

Ähnlich unterschiedlich im Laufe der Zeit ist auch der Umgang mit der Frage, ob, in welchem Umfang und in welcher Situation vollständige oder teilweise Nacktheit moralisch bzw. gesetzlich als akzeptabel oder inakzeptabel gelten soll (siehe Geschichte!).
Der Punkt, an dem die meisten Menschen scheitern, wenn es darum geht, teilweise oder vollständige öffentliche Nacktheit moralisch zu bewerten, ist die Frage des sexuellen Anstandes. Dabei wird nämlich sehr häufig davon ausgegangen, dass jegliche öffentliche oder nicht öffentliche Nacktheit sexuell motiviert und deshalb wenigstens moralisch inakzeptabel sei, wenn sie nicht auch strafbar ist. Gemäß der Radbruchschen Formel steht eine solche Bewertung offensichtlich im Widerspruch zu den Gesetzen der Natur und ist deshalb zweifelsfrei ungerecht. Somit ist sie als moralische Regel oder als Rechtsnorm von Anfang an nichtig. Tatsache ist nämlich, dass Kinder von Natur aus gar nicht in der Lage sind, sexuelle Gedanken zu hegen und somit aus einer sexuellen Motivation heraus zu handeln. Auch wenn Erwachsene nackt Sport treiben (wandern, Fahrrad fahren, etc.), dann tun sie das genauso, wie es andere tun, die dabei bekleidet sind, nämlich aus einer Motivation heraus, die mit Sex in keinem Zusammenhang steht.
 
Ob eine Regel wirklich eine moralische Regel ist oder ob es sich dabei um Scheinmoral oder Doppelmoral handelt, das erkennt man in aller Regel sehr schnell.
Bei Scheinmoral handelt es sich um sogenannte Regeln, die nur scheinbar moralische Regeln sind, tatsächlich aber ein unmoralisches Verhalten beschreiben. Im Gegensatz zur Doppelmoral wird derjenige, der behauptet, es gäbe eine solche Regel, sich auch selbst daran halten. Als Scheinmoral ist es z.B. zu bezeichnen, wenn man sagt, es gehöre sich nicht, im Sommer, wenn das Wetter dafür geeignet ist, barfuß zu laufen, denn ein Gesetz oder eine moralische Regel dagegen, barfuß zu laufen, gibt es nicht. Also kann diese "Regel" nur mit Angeberei begründet werden, was jedoch ein unmoralisches Verhalten darstellt ("Ich bin was besseres. Ich habe es nicht nötig, barfuß zu laufen, weil ich mir ja Schuhe kaufen kann"). Klar, man hat es nicht nötig, barfuß zu laufen, aber man hat es genauso nicht nötig, das nicht zu tun. Was spricht also dagegen? Andere Gründe dagegen, barfuß zu laufen, werden zwar oft genannt, können einer näheren Betrachtung jedoch nicht standhalten.
Wenn ich aber z.B. mit jemandem rede und dabei lange und ausschweifende Vorträge halte, die es meinem Gesprächpartner sogar unmöglich machen, Fragen, die ich ihm gestellt habe, zu beantworten, und wenn ich ihn dann unterbreche, falls er etwas sagt, und von ihm verlange, mich ausreden zu lassen, dann handelt es sich offensichtlich um Doppelmoral. Denn einerseits verlange ich, ständig reden zu dürfen, ohne meinem Gesprächspartner zuzuhören, gleichzeitig verbiete ich ihm aber, jemals etwas zu sagen, und verlange, dass er mir zuhört. Moralisch richtig würde ich mich in diesem Zusammenhang verhalten, wenn ich meinem Gesprächspartner sofort nachdem ich ihm eine Frage gestellt habe, oder spätestens nach einer kurzen Erläuterung, die Gelegenheit geben würde, so ausführlich darauf zu antworten, wie er das will, denn wenn ich etwas sage, will ich das ja auch so ausführlich tun können, wie ich das will.
 
Moralisch akzeptabel ist ein Verhalten vor allem dann, wenn es von allen Beteiligten als gerecht empfunden wird. Wenn z.B. ein Kind von höchstens zehn Jahren, also vor Einsetzen der Pubertät, im Sommer nackt ist, weil es (in seiner Freizeit) auf Grund des Wetters keine Kleidung braucht, dann wäre es nach meinem Verständnis ein Gebot der Gerechtigkeit, diesem Kind zu erlauben, nackt zu sein, denn ihm das zu verbieten, kann nur durch eine von zwei Annahmen begründet sein. Eine Annahme ist es, ihm sexuelle Gedanken zu unterstellen, die jedoch nicht vorhanden sein können. Das Kind verhält sich also nicht falsch und hat deshalb auch keinen Grund sich zu schämen. Die andere Annahme ist, dass es dadurch zum Opfer sexuell motivierter Gewalt werden kann. Diese Möglichkeit besteht jedoch genauso auch dann, wenn dieses Kind bekleidet ist. Das Kind zu bekleiden, ist also eine Maßnahme, die nicht nur in diesem Zusammenhang nutzlos ist, sondern sie schadet dem Kind auch, denn sie schränkt es in seiner Freiheit ein, seine Persönlichkeit zu entfalten, was aber ein natürliches Recht und deshalb auch ein Recht ist, das (in Deutschland) durch das Grundgesetz garantiert wird.
Gerecht wäre es in diesem Zusammenhang, Kinder nackt sein zu lassen, wenn sie das wollen, und sie durch Maßnahmen zur Stärkung des Selbstvertrauens in die Lage zu versetzen, sich gegen sexuelle und andere kriminell motivierte Übergriffe selbst zu schützen und dort, wo das nicht ausreicht, den Täter je nach Erfordernis zu bestrafen oder zu therapieren, und zwar möglichst bald, und dem Opfer, dem Kind also, jede Hilfe unverzüglich zu gewähren, die es benötigt. Nur so kann die Ungerechtigkeit vermieden werden, mögliche Opfer zu stark in ihrer Freiheit einzuschränken, während dem Täter zu viele Freiheiten gelassen werden.
Es ist ein Naturgesetz, dass man nicht jedes Fehlverhalten verhindern kann. Jede Maßnahme, die in der Absicht getroffen wird, das zu tun, ist also ungerecht. Gerechtigkeit kann also nur da bestehen, wo eingesehen wird, dass Fehler unvermeidbar sind, weil wir alle Menschen sind und es in der Natur des Menschen liegt, nicht immer alles richtig machen zu können. Moral ist also in diesem Zusammenhang als die Gesamtheit dessen anzusehen, was unter Beachtung der Naturgesetze allgemein als gerecht empfunden wird. Dabei bezeichnet laut Wikipedia der Begriff der Gerechtigkeit "(griechisch: dikaiosy´ne, lateinisch: iustitia, englisch und französisch: justice) einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt."
 
Ungerecht wäre es in diesem Sinne auch, wenn man jemandem sein Verhalten vorwerfen würde, obwohl es zwar ungewöhnlich, aber durchaus erlaubt ist und sicher niemandem schadet.
Wenn ein gut aussehender junger Mann, ein Bauarbeiter z.B., im Sommer mit nacktem Oberkörper arbeitet, weil sein Hemd bereits am Vormittag nass geschwitzt ist, dann wird das moralisch nicht bewertet. Wenn dieser selbe Bauarbeiter aber nach Feierabend einkaufen geht, ohne sich vorher ein Hemd anzuziehen, dann wird das als moralisch wenigstens zweifelhaft, wenn nicht verwerflich bezeichnet, obwohl es keine religiöse oder gesetzliche Regel gibt, die von ihm verlangt, seinen Oberkörper zu bekleiden.
Der einzige "Verstoß", den man hier nennen aber ihm nicht vorwerfen kann, ist der, dass er sich anders verhält als die Mehrheit. Das Verhalten dieses Bauarbeiters ist weder für ihn körperlich schädlich (er bekommt z.B. keinen Sonnenbrand), noch verstößt er damit gegen ein Gesetz oder eine moralische Regel. Es trifft nämlich nicht zu, dass er andere Menschen, die ihn sehen, allein dadurch belästigt, dass er sich mit nacktem Oberkörper in der Öffentlichkeit zeigt. Und wer sich trotzdem dadurch belästigt fühlt, der sollte über folgendes Zitat nachdenken, dessen Autor mir leider namentlich nicht bekannt ist:

"Man ist noch ausgesprochen klein
und weit davon, ein Mensch zu sein,
wenn man bereits entrüstet ist,
nur weil ein Anderer anders ist."

Jeder Mensch ist anders und hat somit auch andere Interessen und Neigungen. Das allein kann also keinen Verstoß gegen geschriebene oder ungeschriebene Regeln des Verhaltens in der Öffentlichkeit darstellen. Wer also ein solches Verhalten als unmoralisch kritisiert, der verhält sich dadurch selbst höchst kritikwürdig, denn er schränkt diesen Bauarbeiter in seinem durch das Grundgesetz garantierten Recht ein, seine Persönlichkeit frei zu entfalten. In einem solchen Fall handelt es sich also um schädliche Moral.
 
Noch viel schädlicher kann Moral bei Kindern sein, die Opfer eines sexuell motivierten Verbrechens werden. Wenn sie in der falschen Moralvorstellung erzogen werden, dass jede Erwähnung der Geschlechtsteile unanständig bzw. sündig ist und deshalb zu unterbleiben hat, dann werden sie auch niemandem sagen, dass sich jemand an ihnen vergangen hat, wenn dann ein solches Verbrechen an ihnen verübt wurde. Denn sie müssten ja dann zusätzlich zu der fast unerträglichen Scham, die sie als Opfer eines solchen Verbrechens empfinden, selbst etwas tun, was bei ihnen ein erhebliches Maß an Scham auslösen würde. Und genau das können sie nicht, weil sie das in eine absolut unerträgliche Lage bringen würde. Diese Situation wird von Kindern und Jugendlichen oft als so unerträglich empfunden, dass es häufig zu schweren psychischen Problemen oder Erkrankungen kommt und sogar Selbstmord als vermeintlicher Ausweg aus dieser Situation schon mehrfach vorgekommen ist.
In einem solchen Fall hilft Scham nur dem Täter und schadet zusätzlich dem Opfer, denn eine Bestrafung des Täters wird, genau wie die emotionale Aufarbeitung eines solchen extremen, oft sogar traumatischen Erlebnisses auf Seiten des Opfers, durch Scham sehr effektiv verhindert. Schädlicher kann Scham nicht sein.
Die Situation von Opfern solcher Verbrechen wird oft sogar noch schlimmer dadurch, dass Frauen, die Opfer von Inzest wurden, als Huren bezeichnet werden, weil sie sich ja vom eigenen Vater haben schwängern lassen. Eine solche Verdrehung der Tatsachen ist keinesfalls hinnehmbar, da sie wenigstens einen Verstoß gegen §185 StGB (Beleidigung) darstellt. Verdreht werden die Tatsachen dadurch, dass durch die Äußerung, eine solche Frau habe sich von ihrem Vater schwängern lassen, der falsche Eindruck vermittelt wird, sie hätte ihren Vater dazu gebracht oder ihm freiwillig erlaubt, mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben. Die Wahrheit aber ist in aller Regel, dass sie den Geschlechtsverkehr mit ihrem Vater nicht wollte, sich vielleicht auch dagegen gewehrt hat, sofern ihr das möglich war, aber ihr Vater hat sie gegen ihren Willen dazu gezwungen.
Eine solche Frau moralisch zu verurteilen und gleichzeitig zu tolerieren, dass ihr Vater sich an ihr vergangen hat, ist falsche Moral, wie sie schädlicher nicht sein kann.

Positiv zu bewerten ist Moral jedoch immer dann, wenn sie jemanden durch Überzeugung, nicht aber durch Zwang dazu bringt, die Gesetze und Verhaltensregeln zu beachten, die in der Gruppe, in der er sich befindet, gültig sind.
Als Beispiel sei der damals achtjährige Sohn eines Vereinskameraden genannt, dem ich bei der Feier zum 1. Mai vor wenigen Jahren (ausgerichtet durch unseren Verein) eine Lektion fürs Leben erteilt habe. Bei uns gilt die Regel, dass niemand einen Anderen schlagen darf. Dieser Junge, ein echter Raufbold, machte sich aber einen Spaß daraus, Kameraden im Alter von 18 bis 20 Jahren ständig zu boxen. Diese Kameraden ließen sich das gefallen, ohne dem Jungen in irgend einer Form Einhalt zu gebieten.
Irgendwann konnte ich das nicht mehr mit ansehen, und so forderte ich den Jungen auf: "Wenn du dich unbedingt prügeln willst, dann mach das doch mal mit jemandem, der sich wehrt!" Kaum hatte ich das gesagt, hatte ich auch schon seine Faust in der Magengegend. Doch das habe ich kommen sehen, und deshalb hatte ich meine Bauchmuskeln maximal angespannt. Sein Schlag blieb also wirkungslos. Ich antwortete darauf mit einem Fausthieb in die Rippen des Jungen, den ich in der Kraft so dosiert hatte, dass der Junge einen Schritt rückwärts machen musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, ohne dass ich ihm aber nennenswerte Schmerzen zugefügt hätte.
Kaum dass er sich von diesem Schlag erholt hatte, ging ich in die Knie, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein, und fragte diesen Jungen, ohne dabei vorwurfsvoll zu klingen: "So. Hat das jetzt Spaß gemacht?" Seine Antwort kam kaum hörbar und mit gesenktem Kopf: "Nein." Er schämte sich also, weil er jetzt erkannt hatte, dass er etwas getan hatte, was falsch war. "Und was meinst du," fragte ich ihn daraufhin, "Hat das den Anderen Spaß gemacht, dass du sie dauernd geboxt hast?" Auch darauf antwortete er voller Scham: "Nein."
Jetzt hatte ich diesen Jungen da, wo ich ihn haben wollte: Er hatte erkannt, dass es Anderen Schmerzen bereitet und alles andere als Spaß macht, geschlagen zu werden, genau wie es ihm keinen Spaß gemacht hat.
"Das denke ich auch." sagte ich also und fragte ihn: "Und was machst du jetzt?" Seine Antwort kam mit deutlicher Erleichterung im Ton: "Was Anderes." Er freute sich sehr darüber, dass ich nicht die Absicht hatte, ihn wegen seines falschen Verhaltens zu bestrafen. "Gute Idee!" sagte ich mit einem breiten Lächeln und sehr viel Freude im Tonfall, denn ich freute mich darüber, dass er seine Lektion gelernt hatte. Und das sollte er spüren. Damit drehte ich mich wieder um zu den Kameraden, mit denen ich vorher gesprochen hatte, während dieser Junge zu anderen Kindern ging, die sich auf dem Gelände aufhielten, um friedlich mit ihnen zu spielen.
Ich habe seit diesem Vorfall nie wieder erlebt oder davon gehört, dass dieser Junge jemanden geschlagen hat. Er hatte also seine Lektion gelernt.
Dass ich diesen Jungen einmal geschlagen hatte, wurde dabei moralisch nicht negativ bewertet, weil ich das in der Absicht getan hatte, diesen Jungen durch Überzeugung von seinem unmoralischen Verhalten abzubringen, was auch erfolgreich war. Außerdem kannten mich die Kameraden, zu denen auch der Vater des Jungen gehört, längst als jemanden, der nie zuerst schlägt sondern nur dann zurück schlägt, wenn es keine andere Möglichkeit gibt.
Auch die Eltern des Jungen erkannten meine Handlungsweise durchaus an.

Dieses Beispiel zeigt auch, dass die strenge, "buchstabengetreue" Einhaltung von Regeln, auch ungeschriebenen Regeln, in manchen Situationen den Sinn dieser Regeln pervertieren kann. Ich hatte den Jungen einmal geschlagen, was auf Grund des Zusammenhanges, in dem ich das getan hatte, positiv bewertet wurde, denn in Folge dieses Schlages hielt dieser Junge sich an die Regeln, was er bisher nicht tat.
Hätte ich es gewusst, dass es moralisch negativ bewertet worden wäre, wenn ich diesen Jungen geschlagen hätte, dann hätte ich versucht, eine andere Lösung des Problems zu finden, was erheblich schwieriger gewesen wäre. Eventuell wäre es sogar unmöglich gewesen, diesen Jungen von seinen Raufereien abzubringen. Damit hätte die allzu strenge Einhaltung von Regeln in einem Fall zu Verstößen gegen die selben Regeln in vielen anderen Fällen geführt. Das jedoch wäre inakzeptabel gewesen.
 
So gibt es noch Hunderte Beispiele, wo die buchstabengetreue Einhaltung von bestimmten Moralvorstellungen den Verstoß gegen wesentlichere Moralvorstellungen bedingt. Es wäre nämlich, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, unmoralisch, seine Kinder so zu erziehen, dass man sie in ihrer Entwicklung behindert. Mir ist ein Mann bekannt, der in seiner Kindheit und Jugend in den 1960er und 70er Jahren von seinen Eltern immer wieder gesagt bekommen hat, dass Kinder zu schweigen haben, wenn Erwachsene miteinander reden. Außerdem haben sie ihm häufig verboten, seine Meinung zu äußern, oder sie haben seine Meinung als blödsinnig abgetan, wenn er eine andere Meinung hatte als seine Eltern. Damit war er selbst dann zum schweigen verdammt, wenn er durchaus in der Lage war, einen sinnvollen Beitrag zum Gespräch zu leisten, oder wenn er eine durchaus nachvollziehbare Meinung vertrat. Die Folge davon ist, dass er auch heute, mit inzwischen 55 Jahren, im Gespräch mit anderen oft sehr gehemmt ist, weil er sich davor schämen würde, etwas zu sagen, was nicht die Zustimmung seines Gesprächspartners findet. Er ist also immer noch in verschiedenen Zwängen gefangen, die ihm von seinen Eltern durch die Erziehung auferlegt wurden, und die dazu geführt haben, dass er nicht in der Lage ist, ein selbstsicheres und selbstbewusstes Leben zu führen, was aber sein natürliches und auch durch das Grundgesetz garantiertes Recht wäre.
Die Auswirkungen dieser von seinen Eltern falsch verstandenen Moral kosten die Sozialkassen auch heute noch Tausende Euro pro Monat.
 
In der Geschichte gibt es ebenfalls eine Fülle von Beispielen dafür, dass falsch verstandener Moral immer wieder so lange widersprochen wird, bis die Wahrheit als solche anerkannt wird. So hat z.B. die katholische Kirche über Jahrhunderte das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus (siehe Wikipedia) als Ergebnis eines verwirrten Geistes bezeichnet und erst am 11. September 1822 das Verbot der Lehre dieses Weltbildes aufgehoben. Höchste Anerkennung verdient dabei, dass Kopernikus den Mut hatte, der Kirche damit zu widersprechen. Dass er in diesem Zusammenhang sagte: "Und sie bewegt sich doch!" ist ein sehr bekanntes Zitat.
Moralisch verwerflich ist dabei nach meiner Überzeugung, dass die Aussage, die Sonne stände in der Mitte, während die (damals bekannten) Planeten sie umkreisten, als falsch bezeichnet wurde, obwohl sie als richtig bewiesen war, wenigstens so lange man nicht mehr als unser Sonnensystem betrachtete. Damit verstieß die katholische Kirche gegen das 9. Gebot (Du sollst nicht lügen), was eine moralische Regel höchsten Ranges darstellt, um weiter die Ansicht vertreten zu können, ihre Lehre sei die einzig richtige.
 
Auch was den Zusammenhang von Nacktheit und Scham betrifft, wird im Allgemeinen viel zu viel falsch gemacht. So ist es für ein Kind im Alter von weniger als etwa fünf Jahren nicht nachvollziehbar, warum es ihm verboten wird, beim baden in der Öffentlichkeit (im Schwimmbad, am Baggersee, am Strand u.s.w.) nackt zu sein, und warum es zwar selbst gerne nackt ist (vor allem im Sommer, wenn das Wetter das ermöglicht), aber seine Eltern und Geschwister nie nackt zu sehen bekommt. Genauso wird es niemals barfuss oder mit freiem Oberkörper herumlaufen, selbst wenn es auf einer Rasenfläche des elterlichen Grundstücks spielt. Es besteht zwar keine Gefahr, dass es sich an den Füßen verletzt, weil der Rasen entsprechend gepflegt ist, oder dass es einen Sonnenbrand bekommt (dagegen kann man ja Sonnencreme verwenden), aber von dieser Möglichkeit wird ein solches Kind keinen Gebrauch machen, weil die Eltern das verboten haben.
Warum aber haben die Eltern das verboten? Diese Frage wird ein Kind in diesem Alter nicht stellen, weil es dazu noch nicht in der Lage ist. Trotzdem ist aber genau das die alles entscheidende Frage. Eltern, die ein solch natürliches Verhalten verbieten, tun dies aus einem Übermaß an Fürsorge heraus. Sie wollen nicht, dass ihr Kind sich an seinen nackten Füßen verletzt, ohne dabei zu sehen, dass eine solche Gefahr überhaupt nicht besteht, und sie wollen nicht, dass es einen Sonnenbrand bekommt, obwohl es dafür vollkommen ausreichen würde, das Kind mit Sonnencreme einzucremen. Und damit behindern sie ihr Kind in der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit, die aber durch Art. 2 Grundgesetz garantiert ist.
Auch wenn ein Kind, das jünger als etwa fünf Jahre ist, beim baden in der Öffentlichkeit nackt ist, dann gibt es dabei nichts, was moralisch bedenklich oder gar verwerflich wäre, denn in diesem Alter haben Kinder noch kein so stark entwickeltes Gefühl für den eigenen Körper, dass sie in der Lage wären, im Hinblick auf ihre eigene Nacktheit Scham zu empfinden. Wenn sie sich in diesem Zusammenhang schämen, dann auf Grund eines Verhaltens, das von ihren Eltern oder von anderen Kindern, mit denen sie spielen, als schuldhaft bezeichnet wurde, obwohl gar kein schuldhaftes Verhalten vorliegt.
Auch ältere Kinder im Alter von höchstens etwa 10 bis 12 Jahren haben von sich aus kein Problem damit, überall dort nackt zu sein, wo Kleidung als Schutz oder als Statussymbol nicht erforderlich ist. Da sie erst mit Einsetzen der Pubertät beginnen können, den eigentlichen Zweck ihrer Geschlechtsorgane zu begreifen, ist für sie Nacktheit nicht mehr als die Abwesenheit unnötiger oder unbequemer Kleidung. Scham im Zusammenhang mit Nacktheit ist also auch für diese Altersgruppe unnatürlich und deshalb ein Ergebnis falscher Moral.
 
Überhaupt ist der Umgang mit Kindern immer eine moralische Gratwanderung, bei der Eltern sehr häufig abstürzen. Das ist besonders dann der Fall, wenn sie nicht den Mut oder die Geduld haben, ihre Kinder altersgerecht und vor allem rechtzeitig in vollem Umfang sexuell aufzuklären. Wenn sie das nämlich versäumen und statt dessen alles, was irgendwie mit Sex in Zusammenhang steht, als Thema behandeln, über das man nicht spricht, dann können die Kinder ihr natürliches Recht zu lernen nicht wahrnehmen. Sie müssen aber lernen, wie das mit dem Kinder kriegen funktioniert, um selbstbewusst und in dem ihrem Alter entsprechenden Umfang eigenverantwortlich mit ihrer sich noch entwickelnden Sexualität umgehen zu können.
Wenn sie Sex und sogar den Austausch von Zärtlichkeiten nur als Tabu-Thema kennen lernen, dann werden sie als Jugendliche nicht in der Lage sein zu verstehen, was da in ihren Körpern vor sich geht, und sie werden im Umgang mit dem anderen Geschlecht so gehemmt und voller Scham sein, dass sie auch später, als Erwachsene, nicht in der Lage sein werden, eine sexuelle Beziehung zum anderen Geschlecht aufzubauen.
 
Aber nicht nur die sexuelle Aufklärung, auch der Austausch von Zärtlichkeiten ist ein Thema, das viele Eltern aus falsch verstandener Moral heraus häufig vernachlässigen. Wo ist denn das Problem, wenn Kinder z.B. sehen, dass ihre Eltern sich küssen oder sich zärtlich berühren? Oder wo ist das Problem, wenn Eltern zärtlich und liebevoll mit ihren Kindern umgehen? Da gibt es kein Problem, im Gegenteil. Es ist ein absolut natürlicher und in jeder Hinsicht positiv zu bewertender Vorgang, dass Eltern sich untereinander lieben, und dass sie ihre Kinder lieben, und umgekehrt, und dass sie das auch durch den Austausch von Zärtlichkeiten ausdrücken.
Dadurch wird nicht nur die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern aufrecht erhalten, sondern über das starke Vertrauen zu den Eltern wird auch das Selbstvertrauen der Kinder erheblich gefördert. Solche Kinder sind später in aller Regel als Jugendliche und als Erwachsene wesentlich eher in der Lage, Freundschaften und Liebesbeziehungen einzugehen als andere, denen dieses Glück in ihrer Kindheit und Jugend versagt geblieben ist.
 
Ein weiterer Aspekt ist der, dass Berührungen immer vor allem die Haut als Sinnesorgan ansprechen. Aber dieses Vergnügen gönnen wir uns viel zu selten. Statt dessen verpassen wir unserer Haut ständig Scheuklappen, ohne dass aber die geringste Notwendigkeit dazu besteht.
Was ist denn, wenn wir in unserer Freizeit allein zu Hause sind? Wir haben die Gelegenheit, den bis zu 2 m² Haut, die ein Erwachsener Mensch hat, die Wahrnehmung ihrer Aufgabe als Sinnesorgan uneingeschränkt zu ermöglichen. Aber wir tun es nicht. Statt dessen lassen wir es nur am Kopf und den Händen, höchstens noch an den Armen zu, dass wir unsere Umwelt nicht nur mit den Augen und Ohren, sondern vor allem mit der Haut wahrnehmen. Warum ist es denn so angenehm, im Sommer schwimmen zu gehen oder ein Sonnenbad zu nehmen? Weil dann die Haut als Sinnesorgan endlich mal etwas zu tun bekommt. Und das hat auch hormonelle Auswirkungen. Der Körper produziert eine erhebliche Menge an Glückshormonen wie z.B. Serotonin, was er bei einem bekleideten Aufenthalt in der Wohnung nicht oder nur in sehr viel geringerem Maße tun würde. Außerdem wird die Haut angeregt, Vitamin D zu produzieren, was nicht nur für den Knochenbau, sondern auch für das Immunsystem unbedingt gebraucht wird.
Die Regulierung der Körpertemperatur ist eine weitere Funktion der Haut, die blockiert wird, wenn wir uns da bekleiden, wo es nicht nötig ist. Damit schädigen wir unseren Körper nur, ohne dass ein solches Verhalten in irgendeiner Form nützlich ist. Je häufiger man nämlich Kleidung trägt, umso weniger ist die Haut in der Lage, wenn man sich draußen aufhält, auf das Wetter zu reagieren und den gesamten Körper vor Unterkühlung oder Überhitzung zu schützen. Man kann es deshalb also durchaus als unmoralisch bezeichnen, ständig und überall, auch zu Hause, Kleidung zu tragen.
 
Unmoralisch ist ein solches Verhalten, weil es ungesund ist, und weil man damit sich selbst und jedem, mit dem man die Wohnung teilt, aus angeblich moralischen Gründen verbietet seine Persönlichkeit frei zu entfalten, obwohl Art. 2 GG jedem das Recht garantiert, genau das zu tun.
Auch wenn man sich nackt in der Öffentlichkeit zeigt, dann gibt es jedenfalls aus meiner Sicht keinen moralischen Grund, der dagegen spricht. Sehr häufig wird aber behauptet, das sei Erregung öffentlichen Ärgernisses oder Exhibitionismus (§§ 183 und 183a StGB), oder wenigstens Belästigung der Allgemeinheit (§118 OWiG). Das stimmt so aber nicht (siehe das Kapitel Recht). Auch die Gefährdung von Kindern wird häufig als Argument gegen die öffentliche Nacktheit verwendet.
Tatsächlich werden Kinder aber gefährdet durch Eltern (oder andere Personen, die mit ihrer Erziehung beauftragt sind) vor allem dadurch, dass diese den Kindern vermitteln, dass nicht nur Nacktheit und alles, was damit in Zusammenhang steht, verboten ist, sondern auch jedes Gespräch darüber. Wenn solche Kinder dann z.B. zufällig irgendwo ein Kunstwerk sehen, das einen nackten Menschen zeigt, dann haben sie einen Schock fürs Leben, bevor sie überhaupt erkennen können, dass dort nichts zu sehen ist, was sie oder sonst jemanden gefährden könnte.
So führen erhebliche Rechtsirrtümer zu falscher Moral, und diese führt zu Unterdrückung und in der Folge zu krankhaften Ängsten und vielem mehr, was aber moralisch genauso wie juristisch gesehen, wenigstens aus meiner laienhaften Sicht, in jedem Falle vollkommen inakzeptabel ist.
Im Gegensatz dazu kenne ich Jugendliche, die zwar nicht selbst nackt baden würden, was in ihrem Alter normal ist, aber kein Problem damit haben, an dem auch von mir bevorzugten Badesee anderen Badegästen zu begegnen, die sich dort nackt aufhalten. Diese Jugendlichen sind es von Geburt an gewohnt, dass dort nackt gebadet wird, und deshalb ist es für sie auch kein Grund, sich beim Anblick dieser Nackten zu schämen.
So gibt es noch unzählige Beispiele, die zeigen, dass falsche Moral zu Unterdrückung führt, was dann höchst unmoralisch ist, ohne dass das aber so erkannt wird. Um nur ein Beispiel zu nennen: 1955 hatte der Deutsche Fußballbund (DFB) in einer einstimmigen Entscheidung den Frauenfußball verboten. Erst 1970 hatte der DFB dieses Verbot wieder aufgehoben.
Meine Herren!? Schon mal was davon gehört, dass jeder, nicht nur jeder Mann, das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat? Oder davon, dass laut Art. 3 GG Männer und Frauen gleichberechtigt sind? Das steht so unverändert seit 1949 im GG und wäre deshalb unbedingt zu beachten gewesen.
Auch Frauen haben also wenigstens seit 1949 das Recht, sich u.a. in Fußballvereinen und -verbänden zu organisieren. Dass ihnen dieses Recht durch den DFB zwischen 1955 und 1970 durch das Verbot des Frauenfußballs aberkannt wurde, halte ich für einen Rechtsbruch, der meiner Kenntnis nach nur durch falsche Moralvorstellungen begründet sein konnte.
 
Aber nicht nur vollständige, auch teilweise Nacktheit wird aus angeblichen moralischen Gründen häufig vermieden.
Wo soll denn da aus moralischer Sicht ein Problem sein, wenn man, wie ich auf dem Foto links, sich barfuß und/oder mit nacktem Oberkörper in der Öffentlichkeit aufhält? Das Foto zeigt mich auf dem Rückweg von dem von mir bevorzugten Badesee, wo ich bei sommerlichen Temperaturen nackt gebadet hatte. Da ich es gewohnt bin, barfuß zu laufen, ist die Hornhaut an meinen Füßen so stark, dass die Gefahr von Verletzungen allein auf Grund der Tatsache, dass ich barfuß lief, nicht bestand. Es lagen weder Steine oder Glasscherben noch sonst irgendwelche Gegenstände auf der Straße, die mir hätten gefährlich werden können, und der Asphalt war auch nicht so stark aufgeheizt, dass ich ihn als heiß empfunden hätte. Und was das Thema Sonnenbrand betrifft, diese Gefahr bestand für mich nicht.
Außerdem gab es für niemanden, der mit dem Auto an mir vorbei fuhr, auch nur den geringsten Grund, sich allein dadurch, dass ich keine Schuhe und kein Hemd trug, irgendwie belästigt zu fühlen.
Was ich dabei schon fast für kriminell halte, ist der Umstand, dass einige Tage nachdem ich vor wenigen Jahren im Sommer von verschiedenen Menschen so gesehen wurde, üble Gerüchte über mich verbreitet wurden. Diese Gerüchte besagten, dass ich schwul sei, und dass ich nackt durch den Ort, in dem ich wohne, gegangen sei. Solche Gerüchte entsprechen eindeutig nicht der Wahrheit. Sollte ich herausfinden, wer solche Gerüchte verbreitet, kann derjenige mit einer Anzeige wegen übler Nachrede rechnen.
Ich bin noch nie nackt durch irgendeinen Ort gegangen und habe auch sicher nicht vor, das jemals zu tun, da ich damit gegen geltendes Recht verstoßen würde.
Und schwul bin ich übrigens auch nicht.
 
Es ist auch moralisch völlig inakzeptabel, z.B. jemandem, der nicht vollständig bekleidet ist, zu unterstellen, er sei nackt. Das wäre ja genauso, als gäbe es in jeder Situation nur zwei Möglichkeiten, genau wie eine Frau nur schwanger oder nicht schwanger sein kann. Es gibt jedoch in den meisten Situationen mehrere Möglichkeiten mit einer Vielzahl an Abstufungen. Jemandem, der im Sommer nur mit einer kurzen Hose bekleidet einen Spaziergang macht, zu unterstellen, er sei nackt, ist genauso abwegig wie die Behauptung, eine Flasche könne nur entweder voll oder leer sein. Außerdem ist z.B. eine Literflasche, in der sich 500 ml einer Flüssigkeit befinden, entweder halb voll oder halb leer. Da kommt es nur darauf an, von welchem Standpunkt aus man die Situation betrachtet.
Genauso kann man sagen, dass jemand, der nur eine kurze Hose an hat, nicht vollständig bekleidet ist, oder dass er fast nackt ist. Aber die Behauptung, er sei nackt, obwohl er tatsächlich bekleidet ist (wenn auch nicht vollständig), ist definitiv nicht wahr und somit wenigstens aus moralischer Sicht inakzeptabel.
 
Häufig wird die moralische Regel, dass man "anständig" gekleidet sein soll, so verstanden, dass man immer saubere und unbeschädigte Kleidung tragen soll, und dass man wenigstens ein Hemd, eine Hose und Schuhe tragen soll.
Saubere und unbeschädigte Kleidung? Einverstanden. Aber neben einer Hose auch immer und überall ein Hemd und Schuhe? Das, denke ich, muss nicht sein. Denn das wird weder durch ein Gesetz noch durch Regeln der Bibel oder Regeln anderer Religionen oder durch sonstige moralische Regeln verlangt, soweit solche Regeln mir bekannt sind. Es scheint mir eher so zu sein, dass jemand, der das verlangt, aus "das mag ich nicht", also aus seiner persönlichen Meinung, "das gehört sich nicht", also eine allgemein gültige moralische Regel versucht zu machen, obwohl eine solche Regel nicht existiert. Genau das ist aber nicht akzeptabel, weder aus moralischer noch aus rechtlicher Sicht, denn es verstößt nicht nur gegen das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, sondern es führt auch zu einer Situation, in der jeder seine eigenen und deshalb niemand allgemein gültige Regeln hätte. Das wäre nichts weniger als Anarchie, was selbstverständlich in einem Rechtsstaat wie z.B. der Bundesrepublik Deutschland völlig inakzeptabel wäre.
 
Was ich dabei vor allem nicht nachvollziehen kann, ist der Umstand, dass ein solches anarchisches Verhalten fast in jeder Situation des täglichen Lebens beobachtet werden kann. Fast immer, wenn jemand eine Meinung äußert, sagt er: "Das ist so.", als wäre es eine feststehende Tatsache, höchst selten aber "Ich meine, dass es so ist.", was klar erkennbar eine Meinungsäußerung wäre. Nach meinen Erfahrungen führt das häufig zu Streit dort, wo ein sachlicher Meinungsaustausch wesentlich zweckdienlicher und aus moralischer Sicht auch unbedingt zu bevorzugen wäre.
Sehr häufig entstehen auch dadurch heftige Auseinandersetzungen, dass jemand, der unzureichend oder falsch informiert ist, den Standpunkt vertritt, Nacktheit in der Öffentlichkeit sei immer und überall verboten. Wäre dieser Standpunkt richtig, dann wäre z.B. auch der Naturistenstieg illegal und hätte nie eröffnet werden dürfen. Er ist aber eröffnet worden, also ist er offensichtlich legal, was nur den einen Schluss zulässt, dass Nacktheit in der Öffentlichkeit eben nicht immer und überall verboten ist.
Diese Erkenntnis, dass z.B. öffentliche Nacktheit in vielen Fällen durchaus erlaubt ist und deshalb toleriert werden muss, kann aber nur durchgesetzt werden, wenn man massiv gegen Intoleranz vorgeht. Das erfordert aber ein hohes Maß an Intoleranz gegenüber der Intoleranz, wodurch die ganze Sache nicht gerade einfacher wird, im Gegenteil. Das Konzept der Intoleranz gegenüber der Intoleranz ist nämlich ein Denkmodell, an dem sich schon studierte Philosophen "die Zähne ausgebissen" haben. Ich habe aber nicht studiert, weder Philosophie noch sonst etwas. Trotzdem bin ich aber in der Lage, z.B. den Eiffelturm in Paris als Meisterwerk der Architektur zu würdigen, ohne in der Lage zu sein, seine Statik genau zu berechnen.
Genauso wäre es nach meiner Überzeugung nicht nur intolerant, sondern auch ein schwerer Verstoß gegen verschiedene Grundrechte, wenn man mir verbieten wollte, mich z.B. über die Rechtslage in Deutschland im Zusammenhang mit öffentlicher Nacktheit zu äußern, nur weil ich nicht Jura studiert habe. Indem ich meine Meinung zur Rechtslage äußere, wie z.B. im Kapitel "Recht" dieser Homepage, nehme ich das gleiche Recht aus Art. 5 Abs. 1 GG wahr, mich zu informieren und meine Meinung zu äußern, wie es jedem Anderen auch zusteht, ohne dass ich dabei gemäß Art. 5 Abs. 2 oder gemäß anderer Vorschriften die Rechte Anderer verletze.
Es mag dabei durchaus dem Einen oder Anderen nicht gefallen, dass es z.B. grundsätzlich nicht verboten ist, allein oder in einer Gruppe bei einer Wanderung oder Fahrradtour durch nicht besiedeltes Gelände nackt zu sein, wenigstens dann nicht, wenn man dabei keinen oder nur ganz wenigen anderen Menschen begegnet, aber das spielt keine Rolle. Bestehende Gesetze müssen so, wie sie sind, beachtet werden. Wem das nicht gefällt, der darf gerne versuchen, für eine Änderung dieser Gesetze zu sorgen. Das steht jedem frei. Aber statt dessen eigene Regeln aufzustellen und als allgemeingültig zu bezeichnen, obwohl sie das nicht sind, das ist inakzeptabel.
Durch eine solche anarchische und jegliche Moral verachtende Vorgehensweise nach dem Motto "Verboten ist alles, was ich nicht ausdrücklich erlaubt habe" werden die Menschenrechte, die völlig zu Recht auch am Anfang des Grundgesetzes stehen, in ihr Gegenteil verkehrt. Eine solche Intoleranz gegenüber Gesetzen und sogar Menschenrechten darf unter keinen Umständen toleriert werden.
 
Es wäre meiner Überzeugung nach auch eine Form von Intoleranz, gegen die ich mich wehren würde, wenn z.B. ein Besitzer eines Ladens oder Restaurants den Kunden bzw. Gästen verbieten würde, seine Räume barfuß oder mit freiem Oberkörper zu betreten. Mir persönlich ist das zwar noch nicht passiert, aber auf vielen Seiten im Internet wird berichtet, dass das in Ländern, in denen häufig barfuß gelaufen wird, oft vorkommt. Schilder mit der Aufschrift "No shoes, no shirt - no service (Keine Schuhe, kein Hemd, keine Bedienung)" sind dort berühmt-berüchtigt.
Begründet wird eine solche Regel meist damit, dass es versicherungsrechtliche Probleme gäbe, falls man barfuß in eine Glasscherbe treten oder auf etwas ausrutschen würde, was am Boden liegt (z.B. eine aufgeplatzte Tüte Milch).
Eine solche Begründung ist für mich nicht nachvollziehbar. Denn wenn jemandem etwas herunter fällt, dann kann er problemlos einen Verkäufer oder eine Verkäuferin herbeirufen, um den Boden zu reinigen, womit dann wieder keine Gefahr mehr bestünde, noch bevor sich jemand hätte verletzen können.
Auch hygienische Gründe gibt es nach meiner Kenntnis nicht. Denn selbst wenn jeder barfuß laufen würde, könnte der Fußboden nie so verschmutzt sein, dass sich daraus eine Ansteckungsgefahr ergeben könnte.

Etwas anders sieht es aus, wenn ein Junge oder ein Mann einen Laden mit nacktem Oberkörper betreten will. Wer versucht, ihn daran zu hindern, versucht meiner Überzeugung nach, ihn nur auf Grund dessen, wie er sich bekleidet, zu diskriminieren. Und das ist inakzeptabel. Die gleiche Situation wäre es, wenn man z.B. sagen würde "Zutritt mit Rollkragen-Pullover verboten!"
Anders ist diese Situation nur insofern, dass hier keine Verletzungsgefahren oder hygienischen Gründe zur Begründung einer solchen inakzeptablen Regel genannt werden. Die einzige Begründung, die genannt wird, ist die, dass der Inhaber des Ladens oder Restaurants bestimmte Formen, sich zu bekleiden, nicht mag. Und um das klar zu stellen: hier ist nicht die Rede von Restaurants mit 2 oder 3 Sternen oder von Läden, die nur die teuerste Mode verkaufen, sondern z.B. Fastfood-Restaurants wie B...King, McD... u.s.w. oder die einzige Gaststätte im Dorf, und Läden wie Aldi, Lidl u.s.w. oder die Metzgerei "um die Ecke". Soweit ich mich auskenne, können solche Restaurants oder Läden eine derartige Bekleidungsvorschrift nicht nachvollziehbar begründen.
 
Eine der Begründungen, die häufig in diesem Zusammenhang genannt wird, ist die, dass es sich angeblich nicht gehört, tatsächlich aber nur dem modischen Empfinden des Inhabers eines Ladens oder einer Gaststätte nicht entspricht, wenn ein Kunde oder Gast seine Räume mit nacktem Oberkörper betritt. Wenn aber ein Arbeiter das während der Mittagspause tut und dabei seine schmutzige Arbeitskleidung trägt, dann wird das in aller Regel problemlos toleriert. Und damit haben wir auch hier wieder ein Beispiel für Doppelmoral. Der Arbeiter ist mit seiner verschmutzten Arbeitskleidung nun wirklich nicht modisch gekleidet. Das wird aber kommentarlos hingenommen, während einem anderen, dessen Hose der neuesten Mode entspricht, genauso wie seine Schuhe, falls er welche trägt, der Zutritt nur wegen seines unbekleideten Oberkörpers verwehrt wird. Denn sich mit nacktem Oberkörper in der Öffentlichkeit zu zeigen, entspricht ja nicht der neuesten Mode.
Da drängt sich mir die Frage auf, was hier wohl wichtiger ist, Mode oder Moral.