Geschichte der Nacktkultur

aus deutscher Sicht

Zu allen Zeiten waren Menschen mehr oder weniger häufig dort nackt, wo es nicht durch die Witterung oder durch Verletzungsgefahren bedingt unangebracht erschien. Und das gilt nicht nur dort, wo es ganzjährig möglich ist oder war, nackt zu sein, ohne zu frieren, sondern durchaus auch in Gebieten, in denen es im Winter eindeutig zu kalt war oder ist, um nackt zu sein, wie z.B. im heutigen Deutschland.
 
Dabei darf Nacktkultur als jede Kultur gelten, die Nacktheit ohne einen Bezug zum Sex einfach nur als zweckmäßigen Bekleidungszustand betrachtet. Die ersten Kulturen, von denen bekannt ist, dass sie das so sahen, begannen vor etwa 12.000 Jahren, sich bei bestimmten Gelegenheiten zu bekleiden, und die letzten Kulturen, in denen Nacktheit in den verschiedensten Situationen üblich ist, existieren auch heute noch.
 
 

Die Anfänge der Menschheit

Von Anfang an, seit die ersten Vormenschen sich getrennt von den Menschenaffen entwickelten, waren sie nackt, ohne dass man bereits von Nacktkultur sprechen konnte. Vor etwa 74.000 Jahren gab es dann im heutigen Indonesien einen Ausbruch eines Super-Vulkans, der weltweit viele Tier- und Pflanzenarten und, nach Ansicht vieler Forscher, beinahe auch die Menschheit ausgerottet hatte. Nur wenige zigtausend Menschen, von denen die meisten in Afrika lebten, überlebten diesen Ausbruch. Diese Afrikaner breiteten sich danach über die gesamte Erde aus und passten sich im Laufe mehrerer zigtausend Jahre den neuen Lebensräumen an. So blieb z.B. die Haut der Afrikaner dunkel, genau wie die Haut derer, die sich in anderen Regionen in Äquatornähe ansiedelten, also in Südamerika und Südasien, während die Haut derer, die weiter vom Äquator entfernt einen neuen Lebensraum fanden, mit der Zeit immer blasser wurde. Denn je dichter man am Äquator lebt, desto mehr Melanin bildet die Haut, was gleichzeitig der Hautfarbstoff ist und vor allem gegen die schädliche Wirkung der UV-Strahlen schützt. Wer weiter vom Äquator entfernt lebt, braucht aber weniger UV-Schutz und dadurch eine entsprechend hellere Haut, damit genügend Sonnenlicht in die Haut eindringt, um Vitamin D zu bilden, was vor allem für den Knochenbau, aber auch für das Immunsystem gebraucht wird.
Evolutions-biologisch ist hier wie überall ein empfindliches Gleichgewicht erkennbar: Während zu wenig Sonnenschein auf der Haut, abhängig von der Hautfarbe, zu einem Mangel an Vitamin D führt, entsteht durch zu viel Sonnenlicht kurzfristig ein Sonnenbrand und langfristig, wenn man ständig zu stark dem Sonnenlicht ausgesetzt ist, möglicherweise Hautkrebs.
 
 

Vor- und Frühgeschichte der Nacktkultur

Hier kann als Beispiel-Region der Fruchtbare Halbmond genannt werden. Gemeint sind damit die Länder oder Regionen, die heute bekannt sind als Ägypten, Israel, Libanon, Syrien, Südost-Türkei und Irak bis zum Mündungsgebiet von Euphrat und Tigris.
Vor etwa 12.000 Jahren begannen dort die ersten Menschen mit dem, was als Entdeckung oder Erfindung der Landwirtschaft gelten kann. Sie begannen, Getreide nicht nur zu sammeln, wo sie es gerade fanden, sondern sie säten es auf dafür vorbereiteten Flächen aus, um dann Monate später, wenn die Saat gereift war, ein Vielfaches dessen, was sie ausgesät hatten, zu ernten.
Diese Vorgehensweise führte zwangsläufig dazu, dass sie nicht mehr als Nomaden durch das Land zogen, sondern sesshaft wurden, weil es ja erforderlich war, sich von der Aussaat bis zur Ernte um das Getreide zu kümmern. Eine weitere Folge war, dass in Gegenden, die für die Landwirtschaft geeignet erschienen, mehr als nur eine Familie dicht beieinander lebte. Und so entstanden die ersten sozialen Strukturen, die über den familiären Rahmen hinaus gingen.
Bald kamen dann auch die ersten Führer einer solchen Gemeinschaft, die in einer Siedlung zusammen lebte, auf die Idee sich zu bekleiden, um so ein sichtbares Zeichen zu setzen, dass ihr sozialer Status höher war als der aller Anderen.

Grab des InherkauAus dem alten Ägypten ist bekannt, dass die Menschen der 1. und 2. Dynastie grundsätzlich nackt waren. Anfangs war es üblich, dass höchstens der Pharao und seine Familie Kleidung trugen. Später kamen dann die höchsten Priester und Beamten dazu.
Ab der 3. Dynastie ging die Entwicklung dann mehr und mehr dahin, dass jeder Erwachsene Kleidung trug. Dabei waren jedoch die Kinder ständig nackt, abgesehen höchstens von einer Hüftschnur, die weniger Kleidung war als ein Hilfsmittel, um Gegenstände zu tragen, die gerade benötigt wurden. Später trugen alle, also Erwachsene und Kinder, einen Halsschmuck und Armreifen an den Oberarmen, wie das z.B. auf dem Bild rechts zu sehen ist, das im Grab des Inherkau (Theben-West, Neues Reich, 20. Dynastie) gefunden wurde und Inherkau im Kreis seiner Familie zeigt. Klar erkennbar ist dabei, dass nur Inherkau und seine Frau vollständig bekleidet waren, ihre Kinder, egal in welchem Alter, waren jedoch nackt. Und auch die beiden Dienerinnen rechts im Bild waren am Oberkörper unbekleidet.
Auch Erwachsene trugen nur selten Kleidung, und dann auch nicht viel. Männer trugen häufig nur eine Art Wickelrock, und Frauen trugen meistens auch nur einen solchen oder einen ähnlichen Rock, selten aber auch, vor allem bei festlichen Anlässen, ein Kleid, das nicht nur ihre Hüften, sondern auch ihre Brüste bedeckte. Dazu trugen Männer und Frauen einen Halsschmuck, der umso umfangreicher war, je höher der gesellschaftliche Rang des Trägers war. Schuhe (besser gesagt, Sandalen) trugen bei den alten Ägyptern am Anfang nur der Pharao und seine Familie sowie die höchsten Priester und Beamten. Später trugen dann alle Erwachsenen Sandalen, die meist aus Pflanzenfasern (Palmblätter, Schilf oder Gras) hergestellt wurden.
Das Tragen von Schmuck und später auch Kleidung war also nur ein Statussymbol und stand mit dem Schutz vor Witterungseinflüssen oder Verletzungsgefahren und vor allem mit sexuellen Absichten in keinerlei Zusammenhang.

 
 

Die Zeit des Alten Griechenland und Rom

In dieser Zeit, also bis etwa ins vierte nachchristliche Jahrhundert, war es dann eher so, dass die meisten Menschen in Mittel- und Südeuropa und im Fruchtbaren Halbmond zwar Kleidung hatten, sie aber nicht immer trugen. So ist von den Römern bekannt, dass ihre Sklaven sehr häufig nackt waren, und dass auch die Bürger Roms viele Gelegenheiten kannten, bei denen Nacktheit üblich und gesellschaftlich anerkannt war, ohne dass dabei ein Grund gesehen wurde, sich seiner Nacktheit zu schämen. Man kann auch bei verschiedenen römischen Autoren nachlesen, dass diese Entwicklung bei den Nachbarvölkern des Römischen Reiches einen ähnlichen Verlauf genommen hat. So schreibt z.B. Tacitus (ca. 55 - 120 n.Chr.) über die Germanen:
"In jedem Haus wachsen (die Kinder) nackt und schmutzig heran zu solchen Gliedmaßen und solchen Körpern, die wir bewundern."

Das darf man natürlich nur so verstehen, dass germanische Kinder vor allem im Sommer, wenn das Wetter dafür geeignet war, oft wochen- oder monatelang nackt waren, im Winter jedoch durchaus Kleidung trugen, weil es zu kalt war, um nackt zu sein. Im Übrigen darf "schmutzig" dabei nicht mit "ungepflegt" verwechselt werden, denn die Germanen achteten sehr wohl auf Sauberkeit.
Aber auch erwachsene Germanen waren häufig nackt. So schreibt nicht nur Tacitus, sondern es ist auch durch viele andere Quellen überliefert, dass bei den Germanen, wenn das Wetter es erlaubte nackt zu sein, man im Allgemeinen nur bei besonderen Anlässen Kleidung trug, um sich die doch sehr teure Kleidung nicht durch die tägliche Arbeit zu beschädigen oder zu verschmutzen. So waren die Germanen bei der Feldarbeit genauso nackt wie bei Arbeiten am und im Haus oder bei Kämpfen gegen ihre Feinde, z.B. die Römer.

Auch die Römer kannten viele Gelegenheiten, bei denen es üblich war, nackt zu sein, ohne sich dabei zu schämen. So war es z.B. völlig normal, dass Sklaven, wenn sie auf dem Markt angeboten wurden, nackt waren, oder dass Männer und Frauen in den Thermen gemeinsam nackt badeten. Auch sonst waren die Römer beim Sport gewöhnlich nackt.
Ähnliches kann man auch über die Griechen sagen, die 148 v.Chr. von Rom erobert wurden. Sport trieben sie normalerweise nackt, und zwar nicht nur privat, sondern auch bei solchen rituellen Festen wie den Olympischen Spielen. Dabei waren die Sportstätten in Olympia nur Männern zugänglich, was für Athleten genauso wie für Zuschauer galt. Es gibt vor allem zwei Theorien darüber, warum die Athleten nackt waren. Eine besagt, dass eines Tages ein Läufer während des Rennens seine einem kurzen Rock ähnliche Bekleidung verlor und deshalb den Wettkampf nicht mehr gewinnen konnte. Die andere Theorie behauptet, dass ein Athlet eine Frau (seine Mutter?) unter seiner Tunika ins Stadion schmuggeln wollte, wobei er aber entdeckt wurde. Zur Vermeidung einer Wiederholung eines solchen Frevels (Der Zutritt zu den Arenen war nur Männern gestattet) wurde den Athleten dann verboten, beim Aufenthalt in den Arenen Kleidung zu tragen.
Auch die Bezeichnung der Sporthallen, in denen die Griechen trainierten, zeigt deutlich, dass es bei ihnen normal war, beim Sport nackt zu sein. Der Begriff Gymnasion für Sporthalle ist nämlich abgeleitet von gymnos = nackt. Das waren aber keine reinen Sporthallen, sondern dort wurde z.B. auch Philosophie gelehrt.
Genauso zeigt sich in der Kunst ein sehr offener Umgang mit der Nacktheit. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Laokoon-Gruppe im Bild links (Foto © All free Photos). Ähnlich wie Laokoon (und seine Söhne) in dieser Skulptur wurden damals Götter und Helden sehr häufig nackt dargestellt.

Auch die Juden waren durchaus nicht ständig und überall bekleidet. So gibt es im Alten wie auch im Neuen Testament jeweils mehrere Stellen, die das belegen. Aber auch durch andere Quellen kann belegt werden, dass es in der römischen Provinz Palästina vor etwa 2000 Jahren durchaus nicht ungewöhnlich war für Juden wie z.B. Jesus und seine Zeitgenossen, bei bestimmten Gelegenheiten in der Öffentlichkeit nackt zu sein. Daran änderte sich auch in den nächsten etwa 350 Jahren nicht viel. So ist auch aus den christlichen Gemeinden dieser Zeit überliefert, dass die ersten Christen, egal ob sie nun als Römer, Griechen oder Juden zum christlichen Glauben übertraten oder als Kinder von Christen bereits christlich erzogen wurden, zu den verschiedensten Gelegenheiten nackt waren, ohne einen Grund zu sehen, sich deshalb zu schämen. Nicht nur dass arme Leute, die sich wegen ihrer Armut keine Kleidung leisten konnten, einfach nackt waren, ohne sich deshalb schämen zu müssen, auch viele Christen waren in den ersten drei Jahrhunderten häufig nackt, und das sogar beim Gebet oder beim Gottesdienst, ohne dass das irgend jemanden störte.

Die Jahre 393 und 426 - Die schlimmste anzunehmende Katastrophe für die Nacktkultur

Nach dem ersten Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 erhob Kaiser Theodosius das Christentum, soweit es den Beschlüssen des Konzils entsprach, zur Staatsreligion und erließ einige Gesetze gegen das Heidentum und gegen andere (also nicht katholische) urchristliche Strömungen. So verbot er u.a. im Jahre 393 die Olympischen Spiele, da sie vor allem ein heidnischer Ritus waren und der Sport, bei dem die Athleten nackt waren, dabei eine untergeordnete Rolle spielte. Sein Enkel Theodosius II. wiederholte dieses Verbot im Jahre 426.
Seit dieser Zeit wurde es allgemein durch die Bischöfe der katholischen Kirche als heidnisch angesehen, öffentlich nackt zu sein, was so als Glaubenslehre verbreitet wurde, und galt deshalb als Sünde. Dass dieses Verbot durch keine einzige Stelle der Bibel begründet werden kann, hat aber offensichtlich seit mehr als 1.600 Jahren weder kirchliche noch weltliche Herrscher wirklich gestört. Auch dass die ersten Christen häufig nackt waren, ohne einen Grund zu haben, sich deshalb zu schämen, wurde dabei ignoriert. Ein Fehler, dessen Folgen wir heute noch täglich und überall zu spüren bekommen.

Das "finstere" Mittelalter

So richtig finster wurde es gegen Ende der Antike mit der Justinianischen Pest, eine laut wikipedia "zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian I. (527-565) ausgebrochene Pandemie (wahrscheinlich die Beulenpest), die 541 in Ägypten ihren Anfang nahm, 542 Konstantinopel erreichte und sich bald darauf im gesamten Mittelmeerraum verbreitete. (...) 544 ließ Justinian, der wie der Perserkönig Chosrau I. selbst erkrankt gewesen war, aber überlebt hatte, zwar das Ende der Pestepidemie verkünden, doch brach sie 557 erneut aus, kehrte im Jahre 570 nochmals wieder und trat bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts in etwa zwölfjährigem Rhythmus immer wieder in Erscheinung, bevor sie nach etwa 770 wieder für über fünf Jahrhunderte verschwand."
Nach anderen Quellen führte allein die Justinianische Pest bereits zu einer Reduzierung der Bevölkerung Mittel- und Südeuropas um bis zu 50%.
Unnötig zu erwähnen, dass man in dieser Zeit andere Sorgen hatte als die, etwas gegen den historischen Fehler zu tun, die öffentliche Nacktheit als Sünde zu betrachten.
Auch das frühe Mittelalter war durchaus keine Zeit, in der man von einer Beruhigung der Lage sprechen konnte. Es war die Zeit der Christianisierung Europas und der Völkerwanderung. Während vor allem irische Mönche den christlichen Glauben immer weiter verbreiteten, überfielen die Wikinger das heutige England und Schottland, die Mauren drangen über große Teile Spaniens bis in die Mitte Frankreichs vor und wurden wieder teilweise zurückgedrängt, der Papst wurde durch die Pippinische Schenkung im Jahre 754 auch zum weltlichen Herrscher, und die Franken dehnten sich am Ende des 8. Jahrhunderts fast auf ganz Mittel- und Westeuropa aus. Ihr König Karl I. (Karl der Große), der Weihnachten 800 zum Kaiser gekrönt wurde, konnte jedoch den Zerfall seines Reiches nach seinem Tod im Jahre 814 nicht verhindern.
Während aus der westlichen Hälfte Frankreich entstand, wurde aus dem östlichen Teil im Laufe des 9. Jahrhunderts das "Heilige Römische Reich deutscher Nation", der erste Vorläufer eines deutschen Staates.
 
Wer auch immer in dieser Zeit den christlichen Glauben annahm, was durchaus nur selten freiwillig geschah, hatte keine Wahl. Er musste die Nacktkultur, die in seiner bisherigen heidnischen Religion akzeptiert war, wegen seines neuen Glaubens aufgeben. Ein Aufbegehren gegen das von der katholischen Kirche propagierte Verbot der Nacktheit kam nicht in Frage.
Lady GodivaFranz von AssisiTrotzdem ist es überliefert, dass sich nicht immer jeder daran hielt. Vor allem als eine Form des Protestes kam es immer wieder vor, dass es Menschen gab, die damit in den Blickpunkt der Öffentlichkeit traten. Die ältesten Ereignisse dieser Art, die überliefert sind, zeugen dabei von einer Motivation, die unterschiedlicher nicht sein kann. Über Lady Godiva schreibt z.B. Wikipedia: "Godiva ist Gegenstand einer Legende, die seit dem 13. Jahrhundert belegt ist: Um ihren Ehemann, den Grafen Leofric, dazu zu bewegen, die Steuerlast der Einwohner von Coventry zu senken, sei sie nackt durch die Stadt geritten, nur von ihrem langen Haar bedeckt. Leofric, vom Mut seiner Frau beeindruckt, habe daraufhin alle Steuern erlassen, außer der auf Pferde."
Nach der Überlieferung soll dieser Ritt im Jahre 1043 stattgefunden haben.
Über Franz von Assisi ist dagegen bekannt, dass er sich im Jahre 1205 bei einer Gerichtsverhandlung auf Grund eines Streites mit seinem Vater entkleidete und von ihm los sagte mit den Worten: "Bis heute habe ich dich meinen Vater genannt auf dieser Erde; von nun an will ich sagen: «Vater, der du bist im Himmel»."
Man darf davon ausgehen, dass zu allen Zeiten und aus den verschiedensten Motivationen heraus Nacktheit immer wieder auch als Mittel des Protestes eingesetzt wurde.
 
Auch wenn die katholische Kirche in den Jahrhunderten der Christianisierung die einzig stabile Macht in Mittel- und Westeuropa darstellte, gelang es ihr doch nicht, ein Ende der Nacktkultur herbeizuführen. Bedingt vor allem durch Kriege und die Pest war die Bevölkerungsdichte so gering, dass es für die meisten Menschen absolut kein Problem war, z.B. in Flüssen oder Seen nackt zu baden, ohne dabei von Fremden gesehen zu werden. So gab es dann immer wieder auch Prominente, Adlige wie Künstler, von denen bekannt ist, dass sie gerne nackt badeten. Johann Wolfgang von Goethe war einer dieser Prominenten. Sein Zitat "Der Mensch ohne Hülle ist eigentlich erst der Mensch." lässt vermuten, dass er der Nacktheit an sich sehr offen gegenüber stand.

Die industrielle Revolution

Sie führte von der Mitte des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dazu, dass aus einer hauptsächlich dörflichen und landwirtschaftlichen eine sehr stark städtische und industrielle Gesellschaft wurde. Das führte unweigerlich auch zu erheblichen kulturellen und moralischen Umwälzungen.
So wurde es dann immer häufiger als unanständig betrachtet, nackt zu baden, weil es kaum noch Gelegenheiten gab, das ungestört bzw. unbeobachtet zu tun.
Eine Folge davon war, dass allgemein die Gesundheit vor allem von Kindern, die in den größeren Städten wohnten, durch schlechte Luft und ungesunde Ernährung sehr stark nachließ. In diesem Zusammenhang sind viele Fälle von Rachitis und Skorbut nachweisbar, während gleichzeitig die Landbevölkerung sich allgemein guter Gesundheit erfreuen konnte.
 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts versuchte u.a. die Wandervogel-Bewegung, gegen dieses gesundheitliche Problem etwas zu tun, indem sie die Stadtbevölkerung, dabei vor allem die Kinder und Jugendlichen, dazu einlud, öfter in freier Natur und damit in gesunder Luft zu wandern.
Daraus und aus anderen Einflüssen sind dann wenig später die ersten FKK-Vereine entstanden, auch wenn sie sich anfangs anders nannten.

Die Anfänge der FKK

In ihren Anfängen war die FKK-Bewegung über die gesamte politische und ideologische Bandbreite verteilt, von rechts außen bis links außen. Während manche von ihnen alle Menschen als gleich betrachteten und das auch in gemeinschaftlicher Nacktheit auszudrücken versuchten, gab es andere, die eine Rückkehr zu den abgehärteten und nackten Germanen propagierten, die z.B. Tacitus in seinem Werk Germania beschrieben hatte.
Weniger ideologisch gingen nicht nur einige Intellektuelle vor, die einfach gerne nackt badeten, ohne das in einem ideologischen Zusammenhang zu sehen, was von Konservativen oft als Sittenverfall bezeichnet wurde. Den ersten FKK-Vereinen genügte das jedoch nicht. Für sie waren neben dem nackten Aufenthalt in der Natur und körperlicher Ertüchtigung genauso auch Vegetarismus und das Verbot von Alkohol und Nikotin wesentliche Teile ihrer Ideologie.

Weimarer Republik und 3. Reich

Nachdem 1920 auf der Insel Sylt der erste offizielle Nacktbade-Strand eröffnet wurde, ging es in den 20er Jahren mit der FKK deutlich aufwärts. Nicht unwesentlichen Anteil daran hatten solche Pioniere der FKK wie Adolf Koch, ein Lehrer, der mit seinen Schülern 1922 mit gymnastischen Übungen anfing, die nackt durchgeführt wurden, und zwei Jahre später nicht nur eine eigene Schule gründete, die "Körperkulturschule Adolf Koch", sondern auch das "Institut für Freikörperkultur" und zwölf weitere Schulen in ganz Deutschland.
Aber nicht nur Koch, auch andere gründeten Schulen, in denen die Freikörperkultur eine wesentliche Rolle spielte, wie das Ehepaar Walter und Elise Fränzel, die 1927 in Glüsingen das Lichtschulheim Lüneburger Land (LLL) gründeten. Das LLL, das bereits im Sommer 1933 wieder geschlossen wurde, war ein staatlich anerkanntes Gymnasium und gleichzeitig ein Internat für Schüler jedes Alters. Dabei wurden die Grundschüler in der nahen Dorfschule unterrichtet.
 
Aber nicht nur in Schulen fand die FKK Mittel, um mehr Aufmerksamkeit und Zuspruch zu erlangen. So hatte z.B. am 16. März 1925 der Film "Wege zu Kraft und Schönheit" am UFA-Palast in Berlin Premiere. In den nächsten Jahren folgten einige weitere Bücher und Filme, in denen die Nacktkultur thematisiert wurde.
Einen ersten herben Rückschlag erlebte sie jedoch am 18.08.1932 durch die als "Zwickelerlass" bekannt gewordene Polizeiverordnung, durch die es verboten wurde, nackt zu baden:

"Das öffentliche Nacktbaden ist untersagt. Frauen dürfen nur dann öffentlich baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. Der Rückenausschnitt des Badeanzuges darf nicht über das untere Ende der Schulterblätter hinausgehen.

Männer dürfen öffentlich baden, falls sie wenigstens eine Badehose tragen, die mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. In sogenannten Familienbädern haben Männer einen Badeanzug zu tragen.

Die vorstehenden Vorschriften gelten nicht für das Baden in Badeanstalten, in denen Männer und Frauen getrennt baden."

Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus ging es dann plötzlich und steil bergab, denn fast alle FKK-Vereine wurden zwangsweise aufgelöst oder in bestehende, linientreue Sportvereine integriert. Nachdem die Nazis die FKK für sich ideologisch vereinnahmt hatten, war Hans Surén einer der führenden Köpfe der FKK. Surén begann bereits 1924, sich als freier Sport-Schriftsteller stark für die FKK einzusetzen, und schrieb mit dem Buch "Der Mensch und die Sonne" einen Weltbestseller, gefolgt von verschiedenen Aufsätzen in FKK-Zeitschriften.
Die zweite überarbeitete Auflage seines Buches, jetzt unter dem Titel "Mensch und Sonne - Arisch-olympischer Geist" (1936) war jedoch voll von Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf". Unklar ist dabei vor allem, was Surén zu diesem ideologischen Wandel veranlasst hat.

 

Nacktkultur in der BRD und der DDR

Nach dem 2. Weltkrieg schlug die Nacktkultur in beiden deutschen Staaten durchaus unterschiedliche Wege ein. Während man in der DDR während vieler Jahre ihres Bestehens durchaus von Nacktkultur sprechen konnte, bestand gleichzeitig in der BRD eine die Nacktheit eher ablehnende Kultur. Begründet sein mag das darin, dass beide Staaten politischen und kulturellen Systemen angehörten, die kaum unterschiedlicher sein konnten.

Nacktkultur in der DDR

Am Anfang waren es weniger die Arbeiter und Bauern, die im Arbeiter- und Bauernstaat nackt badeten, sondern vor allem Intellektuelle. Doch bereits in den frühen fünfziger Jahren wurde daraus eine wahre Volksbewegung. Nicht nur an der Ostseeküste, sondern im ganzen Land wurde an geeigneten Stellen auf Badekleidung genauso verzichtet wie auf jegliche Ideologie im Zusammenhang damit, seine Freizeit frei (aber nicht unsittlich!) und den eigenen Interessen entsprechend zu gestalten.
In der Politischen Führung war dieser Trend jedoch alles andere als willkommen. So forderte 1954 der damalige Kulturminister der DDR und FKK-Gegner Johannes R. Becher mit den Worten "Schont die Augen der Nation!" ein Verbot der FKK. Diese Forderung konnte jedoch genauso wenig durchgesetzt werden wie bereits zwei Jahre vorher der Versuch von Innenminister Willi Stoph, ein solches Verbot zu erlassen. Im gleichen Jahr ('54) wurde es zwar generell verboten, an der Ostseeküste nackt zu baden, doch dieses Verbot blieb nicht lange bestehen.
Am 18. Mai 1956 gab es dann die am 06. Juni im Gesetzblatt der DDR veröffentlichte Anordnung, mit der es zwar wieder erlaubt wurde, nackt zu baden, jedoch war diese Erlaubnis gleichzeitig stark eingeschränkt:

Anordnung zur Regelung des Freibadewesens.
Vom 18. Mai 1956

"Um allen Werktätigen in den Sommermonaten einen ungestörten Ablauf des Erholungsurlaubes zu gewährleisten und insbesondere an der Ostseeküste Behinderungen des Badens im Freien auszuschließen, wird folgendes angeordnet:

§ 1
(1) Das Baden ohne Badebekleidung (Wasser-, Luft- und Sonnenbaden) an Orten, zu denen jedermann Zutritt hat, ist nur gestattet, wenn diese Orte ausdrücklich dafür von den zuständigen örtlichen Räten freigegeben und entsprechend gekennzeichnet sind oder das Baden ohne Badebekleidung von unbeteiligten Personen unter den gegebenen Umständen nicht gesehen werden kann.
(2) Diese Bestimmung gilt nicht für Kinder unter zehn Jahren.
(3) Badende haben jedes Verhalten zu unterlassen, das geeignet ist, öffentliches Ärgernis zu erregen."

Bemerkenswert ist dabei Absatz 2, mit dem es Kindern unter zehn Jahren generell erlaubt wurde, überall nackt zu baden. Damit wurde nämlich per Rechtsverordnung offiziell festgestellt, dass es keinen Grund gibt, Kindern zu verbieten nackt zu baden. Sogar an manchen Vorschulen und Grundschulen war es damals üblich, dass die Schülerinnen und Schüler beim Sportunterricht nackt waren.

In der Folge gab es zwar anfangs noch nicht sehr viele offizielle FKK-Strände, aber das änderte nichts daran, dass immer mehr Menschen in der DDR an geeigneten Stellen nackt badeten. Und so waren es in den 70er Jahren bis zu 80% der DDR-Bürger, für die es völlig normal war, am Strand oder Badesee, oft auch auf dem Campingplatz und bei anderen geeigneten Gelegenheiten auf jegliche Kleidung zu verzichten.
Auch in den 80er Jahren setzte sich dieser Trend fort, und so gab es viele vor allem jüngere DDR-Bürger, die bis zur Wende 1989 niemals eine Badehose oder einen Badeanzug oder Bikini besessen hatten.
Nacktheit wurde in diesem Zusammenhang als völlig normal empfunden, und niemand kam auch nur im Traum darauf, das irgendwie mit Sex oder sonst mit Unsittlichkeit in Verbindung zu bringen. Somit hatte auch niemand, der nackt badete, egal wo er das tat, einen Grund, sich seiner Nacktheit zu schämen. Aus meiner heutigen Sicht würde ich als jemand, der in Westdeutschland aufgewachsen ist, sogar sagen, dass dieser Umgang der DDR-Bürger mit öffentlicher Nacktheit der einzige Punkt ist, bei dem es gelungen war, den von der Staatsführung so genannten "real existierenden Sozialismus" so zu verwirklichen, dass er diesen Namen auch verdient hatte.
 

Nacktkultur in der BRD bis 1989

In den 1950er und frühen '60er Jahren spielte sich da in der BRD nicht viel ab, begründet vielleicht auch mit dem repressiven politischen Klima dieser Zeit. Erst mit der Studentenbewegung Ende der '60er Jahre und der damit verbundenen sexuellen Revolution entstand wieder eine gewisse Nacktkultur, die aber sehr vielschichtig war.
Nicht nur die Zahl der FKK-Vereine nahm seit Mitte der '60er Jahre wieder stark zu, ohne dass diese Vereine aber so lebensreformerisch und ideologisch geprägt waren, wie es während der Weimarer Republik der Fall war, auch der nicht in Vereinen organisierte, also individuelle Nudismus erfreute sich steigender Beliebtheit. Sichtbar wurde das vor allem auf Sylt, wo insbesondere über den Nacktbadestrand bei Kampen oft in den Medien berichtet wurde, aber auch insgesamt am Urlaubsverhalten der Deutschen. So waren FKK-Strände in Teilen Jugoslawiens (vor allem Kroatien) oder in Frankreich bei vielen Urlaubern immer beliebter.
Aber auch in der Kunst wurde man in dieser Zeit sehr freizügig, was sich vor allem im Theater und in der Aktionskunst zeigte.
Besonders stark zeigte sich diese Freizügigkeit, die wohl auch als Bestandteil der sexuellen Revolution verstanden werden kann, darin, wie man sich in der eigenen Wohnung verhielt. Viele junge Menschen lebten in Wohngemeinschaften, in denen es häufig üblich war, auch dann die Tür nicht zu verschließen, wenn man z.B. auf der Toilette saß, in der Badewanne lag oder mit jemandem Sex hatte. Auch wenn Kinder, die in einer solchen WG lebten, dabei zu sehen bekamen, wie zwei Erwachsene Mitbewohner gerade miteinander schliefen (im Klartext: Sex miteinander hatten) und dabei nackt waren, wurde das von allen Beteiligten als völlig normal angesehen.
Die wohl bekannteste solcher Wohngemeinschaften ist die Berliner "Kommune 1" mit Fritz Teufel, Uschi Obermaier u.a., die bei vielen Gelegenheiten Aufsehen erregten, nicht nur mit dem Bild rechts (Quelle: Internet), auf dem sie sich alle nackt zeigten.
Dieser Trend hielt jedoch nicht lange an, und so konnte schon Ende der '70er Jahre festgestellt werden, dass die sexuelle Revolution auch wegen so mancher unhaltbaren Forderung (Freie Liebe statt dauerhafte Partnerschaft u.s.w.) gescheitert war.
So ganz Folgenlos blieben diese Bemühungen jedoch nicht, denn auch wenn dieses extreme Maß an Freizügigkeit unerreichbar war, wurde doch an der einen oder anderen Stelle etwas mehr Freizügigkeit erreicht. So gab es in München etwa ab 1980 immer mehr Menschen jeden Alters, die dort im Sommer den Englischen Garten nutzten, um nackt zu sonnen oder im Eisbach zu schwimmen. Das gefiel der Münchner Stadtverwaltung und der Polizei zwar überhaupt nicht, aber sie konnten auch nicht wirklich etwas dagegen tun. Und so wurden dann zwei Bereiche des Englischen Gartens offiziell zu FKK-Bereichen erklärt.
Diese beiden Bereiche waren damit die weltweit ersten FKK-Bereiche innerhalb einer Stadt, die frei zugänglich waren und weder einen Sichtschutz hatten noch sonst irgendwelche Absperrungen, sondern nur durch Hinweisschilder begrenzt waren.
Nicht lange danach gab es auch FKK-Bereiche in anderen Städten, wie z.B. am Halensee in Berlin oder am Gelände der Bundesgartenschau in Kassel (Buga-Seen) und an vielen anderen Stellen, wo es zwar nicht offiziell erlaubt, aber geduldet war.
Gleichzeitig sank damit aber auch die Zahl der Mitglieder in FKK-Vereinen, weil die gemeinschaftliche Nacktheit nicht mehr nur in Vereinen, sondern grundsätzlich immer und an geeigneten Stellen überall möglich war.
 

Nacktkultur in Deutschland seit 1989

Auch heute, mehr als 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands ist die Nacktkultur nur einer von vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, in dem ein deutliches Ost-West-Gefälle zu verzeichnen ist. Die Toleranz gegenüber öffentlicher Nacktheit ist auch heute noch im Osten Deutschlands wesentlich höher als sie es im Westen jemals gewesen ist.
 
So kam es z.B. auf der Insel Usedom Anfang der 1990er Jahre, nach Öffnung der deutsch-polnischen Grenze, zu einem heftigen Streit zwischen den Deutschen, die fast ausschließlich nackt badeten, und den Polen am benachbarten Strand-Abschnitt, die als strenge Katholiken das weder taten noch überhaupt sehen wollten.
Glücklicherweise gelang es, diesen Streit friedlich beizulegen.
 
In den Folgejahren kam es aber nach und nach zu einer "feindlichen Übernahme" der Strände Mecklemburg-Vorpommerns durch westdeutsche Touristen, die mit allen möglichen Mitteln durchsetzten, dass die dort bestehende Lebensweise, bei der es als völlig normal angesehen wurde, nackt zu baden, mehr und mehr durch die westliche Lebensweise, bei der FKK die Ausnahme war und auch heute noch ist, ersetzt wurde.
 
Das war natürlich ein herber Rückschlag für die sehr tolerante Nacktkultur, die sich in der DDR entwickelt hatte und so in der BRD nach 1990 nicht fortgesetzt werden konnte. Doch vollkommen untergegangen ist diese Nacktkultur zum Glück nicht, im Gegenteil! Denn heutzutage ist es nach allgemeiner und auch höchstrichterlicher Rechtsprechung überall in Deutschland möglich, fast an allen öffentlich zugänglichen Badestellen an Flüssen, natürlichen oder künstlichen Seen und an der Küste der Nord- und Ostsee nackt zu baden, ohne dabei eine Anzeige wegen §118 OWiG befürchten zu müssen. Und auch die ersten beiden Wanderwege, die offiziell zu Nacktwanderwegen erklärt wurden, gibt es inzwischen.
 
Es wäre schön, wenn sich dieser Trend fortsetzen würde, sodass es dann tatsächlich überall möglich wäre, nackt zu baden oder zu wandern, Fahrrad zu fahren oder welchen Freizeitsport auch immer zu betreiben.